Sie sind hier: Gemeinden >Nordhastedt >Frunsbeer

Druckversion

Das Nordhastedter Frunsbeer und seine Geschichte

Der Oberschaffer
Der Oberschaffer

Verfasst von Oberschaffer Walter Rohde


Alle drei Jahre feiert man in Nordhastedt kurz vor Johanni (24.Juni) ein Fest, welches in seiner Art und seiner Entstehungsgeschichte auf der Welt nicht seinesgleichen hat. Durch das Frunsbeer wird an eine denkwürdige Begebenheit im Mittelalter, die sich im Raum Nordhastedt abgespielt hat, erinnert.

Die Geschichte des Festes ist es wert, vor dem Vergessen bewahrt zu werden. Zur Zeit wacht Walter Rohde als Oberschaffer mit seiner Interessengemeinschaft über die genaue Innehaltung der überlieferten Tradition.

Danach erzählt man sich in Nordhastedt folgende Sage:

Im Mittelalter war ganz Nordhastedt im Süden und Südosten von großer Waldungen, dem Riesewohld, umgeben. Die sich über den ganzen Höhenzug erstreckenden Wälder der Süderhamme fielen infolge des Friedensvertrages von 1559 der Axt zum Opfer. Um 1600, so erzählt die Sage, lebte in einer der wildesten und einsamsten Gegenden des Riesewohldes eine Räuberbande, die sich aus ehemaligen hanseatischen, holsteinischen und dänischen Söldnern, aber auch aus unzufriedenen Dithmarschern, die irgendwie wegen verschiedener Delikte zu Landesfeinden erklärt worden waren, zusammensetzte.

Ihr Anführer war ein früherer Hamburger Rottmeister (Offizier). Auf Vorschlag des Wirtes einer Waldschänke in Riesewohld, der sich als Hehler große Vorteile versprach, hatte er eine Bande gegründet. Als Behausung diente ihnen eine Höhle beim heutigen Forst Quellental.

Die wilden Gesellen wurden bald zum Schrecken der ganzen Umgebung. Weil die einzelnen Dorfschaften, Kirchspiele und Geschlechter nur lose zusammenhielten und zum Teil oftmals miteinander verfeindet waren, konnte die Bande lange Zeit ungestört ihr Unwesen treiben.



Eines Tages wurden jedoch ein geachteter Nordhastedter Bauer, ein Achtundvierziger, mit zwei seiner Knechte gefangen. , Während die Räuber den einen der Knechte in ihren Dienst pressten, wurde der andere als Bote nach Nordhastedt entlassen, um die Lösegeldforderungen Verwanten zu überbringen. Obwohl diese das Lösegeld schickten, wurde der gefangene Bauer nicht freigelassen. Die Angehörigen beschlossen daher, einen Zug gegen die Bande in Gang zu bringen. Die Vorbreitungen mussten jedoch ganz im geheimen geschehen, da die Banditen selbst unter den Dorfbewohnern ihre Spitzel und Zuträger hatten.

Inmitten der Vorbereitungen stürzte eines Abends der bei den Räubern verbliebene Knecht ins Dorf und erzählte, dass er hätte entwischen können und dass der Hauptmann mit dem größten Teil seiner Spießgesellen einen Raubzug nach Holstein angetreten habe. Um diese günstige Gelegenheit auszunutzen, wurde beschlossen, gleich am nächsten Tag die Höhle auszuheben. Zum Anführer wurde der wegen seiner Körper- und Geisteskräften hochangesehene Peter Jessen gewählt. Dann drang der Zug durch das Dickicht vorsichtig gegen Süden vor. Gegen Mittag traf der Anführer, der allein vorausgegangen war und die Höhle umschlich, auf einen einzelnen der Räuber und schloß diesem, ehe er noch Lärm schlagen konnte mit einem Faustschlag den Mund.

Kurz entschlossen umzingelte man nun die Höhle und drang mit einigen Beherzten in das innere ein. Die zurückgelassene Besatzung wurde niedergehauen und das Verlies des gefangene Nordhastedters geöffnet. Zur gleichen Zeit ging es in der schon zu Beginn der erwähnten Waldschänke hoch her. Dort saß der Räuberhauptmann mit seinen Kampfgefährten bei einem Zechgelage. Der Zug ins Holsteinische hatte reiche Beute gebracht. Der Hauptmann, dem das vortreffliche Hamburger Bier die Zunge gelöst hatte, gab unter dem beifälligen Gewieher seine Genossen einige saftige Geschichten aus seinem bewegten Kriegsleben zum Besten.

Da stürmten plötzlich mit zerzaustem Wams ein in der Höhle zurückgelassener Räuber in die Schänke und erzählte seinem aufhorchenden Hauptmann von dem Überfall in Nordhastedt.

Der Hauptmann sprang fluchend auf und schrie: `Drauf und dran! Wir werden den Nordhastedtern die Köpfe einschlagen wie Eierschalen`.

Mit großem Geschrei und Gejohle ging es in den Wald. Die Nordhastedter hörten natürlich das Gebrüll der racheschnaubenden Banditen und konnte sich auf das Zusammentreffen einstellen.

Als die Bande aus dem Wald hervorbrach wurde sie durch den plötzlichen Angriff der Bauern verwirrt und durcheinander gebracht. Die persönliche Tapferkeit und das blitzschnelle Schwert des Hauptmanns, der jedem Feigling das Haupt zu spalten drohte, stelle jedoch die Ordnung unter den Banditen wieder her. Die Nordhastedter jedoch mussten sich kämpfend zu dem nicht fernen Dorf zurückziehen.

Mittlerweile war es Abend geworden und die fleißigen Hausfrauen des Dorfes standen am Herd, um Brei und Grütze, das gewohnte Abendgericht, zu bereiten. Auch Maria, die Ehefrau von Peter Jessen, war eifrig bemüht, ihre hausmütterlichen Pflichten zu erfüllen, als plötzlich ihr kleiner Junge, der draußen gespielt hatte, hereinpolterte und aufgeregt rief: „ Moder kumm mal, dar sind ganz veele Kerls buten, de slot sigt. `Die Mutter, eine starke und energische Frau, die sogleich den Sachverhalt ahnte, stürzte, ohne zu Zaubern, hinaus. In der rechten Hand schwang sie den Rührlöffel und den linken hatte sie den Breitopf, den sie gerade vom Feuer genommen hatte.

Der Räuber ist gestellt
Der Räuber ist gestellt

Da ihr Haus in der nähe des Dorfeinganges lag, wurde sie bald der Streitenden ansichtig. Der einzige Damm, der den wilden Ansturm der Räuber noch zurückhielt, war der tapfere Peter Jessen. Sein Beispiel feuerte die Nordhastedter immer wieder zu größten Widerstand an, zumal sie ihr Dorf und ihre Familien in höchster Gefahr wussten. Der Räuberhauptmann, der die Ursache des hartnäckigen Widerstandes bald erkannt hatte, drang daher wütend auf Peter Jessen ein, um ihm den Garaus zu machen. Peter aber schlug ihm mit der Hellerbarde das sausende Schwert aus der Hand. Der Hauptmann sprang zurück und riß nun voll Wut sein Feuerrohr aus dem Gürtel und legte auf Peter an. In diesem Augenblick erschient Maria auf dem Kampfplatz. Als sie das unheimliche Ding mit der brennenden Lunte auf ihren Mann gerichtet sah, schleuderte sie im kühnen Entschluß den Topf mit dem kochenden Brei dem Hauptmann an den Kopf, so dass die brodelnde Masse nicht nur die brennende Lunte löschte, sondern dem Hauptmann derartig das Gesicht verbrannte, dass er durch den wuchtigen Anprall des Topfes auch noch aus dem Gleichgewicht gebracht , wie ein Turm zu Boden stürzte und hier von Peters Hallerbade durchbohrt wurde.

Diese Heldentat Marias war das Zeichen zu einem allgemeinen Angriff der Frauen. Von allem Seiten eilten sie mit ihren Töpfen mit Brei oder mit Kesseln siedenden Wassers herbei und bombadierten die Räuber so mächtig, das die vordersten Reihen bald wie Schneemänner aussahen und sich mit verbrühten Gesichtern und Händen zurückziehen mußten.

Der beginnende Rückzug der Banditen artete bald in eine wilde Flucht aus. Dies wurde ihnen zum Verderben. Denn die meisten wurden dabei niedergehauen. Die Wenigen, denen ein Entrinnen möglich war, fand man am anderen Morgen in der besagten Waldschänke versteckt. Sie wurden kurzerhand an die nächsten Bäume gehängt und der schuftige Wirt der Waldschänke beschloß den luftigen Reigen. Das Räubernest wurde zerstört und die Beute auf die Sieger verteilt.

So hatten die Nordhastedter unter Mithilfe ihrer tapferen Frauen, besonders der wackeren Maria, über die an Zahl weit überlegene Räuberbande einen glänzenden Sieg errungen und die ganze Gegend von einer gefährlichen und üblen Landplage befreit.

Die Tänzer
Die Tänzer

Selbstverständich wurde daraufhin ein fröhliches Fest gefeiert, auf dem Maria die Königin des Tages war.

Zum ewigen Gedächtnis an diesen Tag und die Heldentat der Frauen wurden das alle drei Jahre wiederkehrende „Frunsbeer“ gestiftet. Es ist ein Fest des Dorfes, bei dem für alle und auf ewige Zeiten den Frauen das Recht eingeräumt ist, ihren Tänzer aufzufordern.

Zur Vorbereitung des Festes gehen vier Frauen, die das wechselnde Amt der Schaffnerinnen bekleiden vorher von Haus zu Haus, um die Einladungen zu besorgen, wobei keine Standesunterschiede gemacht werden. Zugleich wird ein geringer Beitrag erhoben.

In dem Saal, in dem der Tanz stattfindet, hängt an dem Kronleuchter ein Pantoffel, das alte Wahrzeichen der Frauengewalt, welches andeutet, dass die Frauen jetzt die Herrschaft ausüben, indem sie ihren Tänzer wählen und fleißig Bier und Korn ausschenken. Wenn nachts um 12.00 Uhr der Pantoffel verschwindet, so gelangt das stärkere Geschlecht wieder zu seinem Recht.